Auf heftigen Widerstand stießen die britischen Truppen Anfang April 1945 in Lingen bei ihrem Vormarsch in Richtung Bremen. Es dauerte drei Tage, bis sie die deutsche Gegenwehr überwunden hatten. Heftiger Artilleriebeschuss und schwere Häuserkämpfe in der Innenstadt forderten zahlreiche Opfer. 118 deutsche Soldaten und 27 Zivilpersonen fanden den Tod. Noch höher war die Zahl der Verwundeten, mit denen sich die Lazarette füllten.
Viele Häuser erlitten Dach- und Giebelschäden. Etwa 30 Häuser wurden durch Artilleriebeschuss oder Flammenwerfereinsatz völlig zerstört. Die meisten Straßen waren stark beschädigt, mit einer Ausnahme alle wichtigen Brücken gesprengt. Die Versorgung mit Strom, Gas und Wasser funktionierte nicht mehr.
Die Bewohner der Stadt Lingen erlebten vor 80 Jahren die dramatischen Tage des Kampfes um Lingen auf sehr unterschiedliche Weise. Sehr viele waren mit ihren Angehörigen zu Verwandten oder Bekannten in die umliegenden Orte geflohen, um vor den Kampfhandlungen geschützt zu sein. Doch nicht alle fanden dort Sicherheit. Mancher musste erleben, wie er schutzlos in die Kämpfe hineingezogen wurde. Nur wer sich nach Biene, Holthausen oder Neuholthausen geflüchtet hatte, bekam wenig von den Kämpfen mit. In allen Gemeinden im Osten Lingens und vor allem in Altenlingen wurde zum Teil heftig gekämpft. Fast überall fanden auch Zivilisten den Tod.
Nicht wenige waren in der Stadt geblieben, da sie sich in ihren festen Häusern oder Kellern mehr Sicherheit versprachen. Die meisten von ihnen sahen sich dann doch gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Teils war der Artilleriebeschuss zu heftig, teils wurden sie von den Engländern aus dem Bereich der Kämpfe evakuiert und in Schutzräumen konzentriert. Solche Sammelstellen waren z.B. verschiedene Höfe in Altenlingen, der Böhmerhof, die Kirchen, das alte Kolpinghaus an der Baccumerstraße oder das Finanzamt.
Fast alle fanden nach der Rückkehr ihre Häuser oder Wohnungen verwüstet oder geplündert vor. Nicht immer waren es englische oder deutsche Soldaten, entlassene ausländische Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter gewesen, in vielen Fällen hatten sich auch Einheimische und Nachbarn Hab und Gut ihrer Mitbürger angeeignet.
Führende Nazifunktionäre wie Landrat Wege oder Kreisleiter Brummerloh flohen aus der Stadt, nicht um sich auf dem Land von der Front überrollen zu lassen, sondern um sich abzusetzen und im weiter entfernten Hinterland auf die von Hitler versprochene Wende zum Endsieg zu warten. Sie stahlen sich aus der Verantwortung und wollten das Desaster, das sie und ihre Führer angerichtet hatten, nicht wahrhaben. Für sie wie für die unbelehrbaren eifrigen Parteigenossen war das Kriegsende ein Tag der Enttäuschung. Und mancher brauchte noch Wochen, um sich der Realität zu stellen, wie z.B. jener Mann aus Lingen, der einige Tage nach der Besetzung der Stadt durch die Engländer auf die ironischen Fragen eines Bekannten trotzig betonte: „Und ich halte dem Führer doch die Treue!“.
Aus der Stadt floh bei Kriegsende auch der Fabrikant Georg Albers, der in den letzten Kriegsmonaten den zur Wehrmacht eingezogenen Geschäftsführer des Krankenhauses vertreten hatte. Er verschwand aus Lingen allerdings nicht, weil er ein führender Nazi war, sondern im Gegenteil, weil er sich vor den Nationalsozialisten fürchtete. Es ging nämlich im März 1945 das Gerücht durch die Stadt, dass er die Absicht habe, Stadtkommandant von Lingen zu werden und die Stadt dem Feinde zu übergeben; vorher aber wolle er noch persönlich den Landrat als das schlimmste Hindernis aus dem Weg zu räumen. Er zog es deshalb vor, unterzutauchen, bis der Krieg zu Ende war.
Wie Georg Albers so erlebte noch manch anderer Lingener das Kriegsende als Befreiung von der Verfolgung durch die Nationalsozialisten. z. B. Sozialdemokraten und Gewerkschafter wie Wilhelm Engelke oder Heinrich Melcher, die nach dem 20. Juli 1944 längere Zeit inhaftiert gewesen waren, überhaupt all diejenigen, die offen oder heimlich gegen das NS-Regime eingestellt waren. Befreit fühlten sich sicher auch die Jugendlichen, die sich aus den Wehrertüchtigungslagern in Freren und Wildeshausen nach Hause abgesetzt hatten oder erst gar nicht erschienen waren, weil ihre Eltern ihnen ein ärztliches Attest besorgt oder sie versteckt hatten.
Ein Tag der Befreiung war das Kriegsende sicher auch für die mehr als 1000 ausländischen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen, die in den Lagern am Telgenkamp, an der Waldstraße oder an der Rheiner Straße auf das Vorrücken der Engländer warteten.
Die meisten Lingener waren ganz einfach froh, dass sie den Artilleriebeschuss an den Kampftagen und die Gefechte zwischen deutschen und englischen Soldaten heil überstanden hatten, dass Luftangriffe und Fliegeralarm aufhörten, dass der Krieg zu Ende war. Man verspürte zunächst einmal „eine große Erleichterung“, wie sich eine ältere Frau aus Lingen erinnert: „Man hatte alles lebendig überstanden, der Druck war weg; man musste vor den Nazis keine Angst mehr haben.“
So war das Kriegsende nicht für alle gleich: Es war für manche ein Tag der Enttäuschung über den Verlust der Macht, für andere ein Tag der Angst vor den fremden Truppen oder ein Tag des Verlustes von Angehörigen, für viele aber war es ein Tag der Befreiung von den Schrecken des Krieges und dem Unrecht der NS-Diktatur.
Quellen und Literatur: